Barschel, Borowski, Milberg – brisanter Tatort aus Kiel

Die dunkle Seite der Barschel-Affäre
Axel Milberg im Interview zum Tatort

Sendetermin 14.10.2012, 20:15 Uhr im Ersten

Die Fernsehmoderatorin Ulla Jahn (Marie-Lou Sellem) nimmt den Minister Karl-Martin von Treunau (Thomas Heinze) während ihrer Talkshow in die Zange / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Die Fernsehmoderatorin Ulla Jahn (Marie-Lou Sellem) nimmt den Minister Karl-Martin von Treunau (Thomas Heinze) während ihrer Talkshow in die Zange / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Lange wurde getüftelt und verworfen, bis es Eoin Moore (der auch Regie führte) gelang, Waterkantgate – den Fall Barschel – in die Tatort-Handlung einzuweben. Auf subtile und spannende Weise erzählt der Film von Macht und Ohnmacht in der Politik und der polizeilichen Ermittlungen. Ergebnis: ein Tatort, der unter die Haut geht.

 

Zum Inhalt (Pressetext ARD benutzt): Der Kieler Autor Dirk Sauerland wird tot auf seiner Yacht aufgefunden.

Borowski (Axel Milberg) platzt in eine Rede des Ministers hinein. Er will ihn unbedingt sprechen. / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Borowski (Axel Milberg) platzt in eine Rede des Ministers hinein. Er will ihn unbedingt sprechen. / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Zuletzt arbeitete er an einer Enthüllungsgeschichte, die, wie sich herausstellt, den geheimnisvollen Tod von Uwe Barschel aufdecken will. Sauerlands Ex-Frau Ulla Jahn (Marie-Lou Sellem), eine beliebte Talkshow-Moderatorin, steckt Hauptkommissar Borowski (Axel Milberg) und Kommissarin Sara Brandt (Sibel Kekilli) dass schwule Doppelleben des Toten. Daraufhin führt die Spur zu von Trenuau (Thomas Heinze), ein Landespolitiker, der sich noch nicht als schwul geoutet hat und in Bedrängnis gerät.

Schließlich führen Fotos nach Genf ins Beau Rivage und in die Szene um den damaligen ungeklärten Mord an Uwe Barschel ( Basisdaten hier ). Sarah Brandt (Basisdaten von Sibel Kekilli ) stürzt sich wie gewohnt vehement in die Ermittlung, Borowski ( Axel Milberg ) dagegen bleibt realistisch cool. Trotz eines Zeugen bleibt natürlich der Fall Barschel unaufgeklärt (der Film berücksichtigt strikt die Faktenlage), wohl aber findet der Mord am Journalisten Sauerland eine Aufklärung.

Sarah Brandt (Sibel Kekilli) glaubt an eine Verschwörung. / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Sarah Brandt (Sibel Kekilli) glaubt an eine Verschwörung. / Bild: NDR/Marion von der Mehden

So bleibt das unbehagliche Gefühl übrig, dass es wohl einen Filz zwischen Politik und Wirtschaft (Waffengeschäfte) gibt, dieser jedoch nicht entwirrt werden kann. Auch ein Tenor von”die da oben machen ja eh, was sie wollen” kann man nicht dem Drehbuch ankreiden, weil er ja eher der Wirklichkeit entspricht. Was mich dagegen stört ist das gezeichnete (durchaus auch realistische) Medienbild, wenn Ulla Jahn nachin einem Interview den Politiker von Treunau mit gezielten Fragen in die Enge treibt, daraufhin ihre Sendung abgesetzt wird – und sich niemand darüber empört.

Insgesamt bleibt es ein absolut sehenswerter Tatort.


Interview mit Axel Milberg am 30.9.2012 im Radisson Blu in HH
zum Tatort „Borowski und der freie Fall“

Axel Milberg sitzt entspannt und trinkt genüsslich nach einem 12 Stunden Arbeitstag einen Aperol-Spritz

Bild: NDR/Marion von der Mehden

Bild: NDR/Marion von der Mehden

Wie steht es bei Ihnen mit der Gretchenfrage?

Axel Milberg: Ich habe in Kiel ein Sterbe-Hospiz unterstützt. Sterbende brauchen unsere Hilfe, unseren Beistand und unsere Nähe. Sie sind nicht weniger – um in einem Kieler Bild zu bleiben – , weil sie etwas näher an der Dampferanlegestelle stehen, von der aus wir dann zu fernen Ufern ablegen.

Die letzte Reise, die wir mit dem Fährmann antreten…

Axel Milberg: Ich habe das so aus dem Wunsch heraus formuliert, dass dieser Abschied eines Tages einigermaßen gnädig ausfällt. Bei meinen Eltern habe ich es so wahrgenommen, die beide starben sozusagen gesund – mein Vater beim Zeitunglesen, meine Mutter sechs Jahre später beim Mittagsschlaf. In den Tagen nach ihrem Tod haben meine Geschwister und ich neun Reisen storniert, die sie schon gebucht hatte. Man sieht, dass sie aus einem aktiven Leben herausgerissen wurde.
Ich stand da fast wie ein Kommissar und habe ihren letzten Tag unter anderem anhand von Quittungen rekonstruiert. Sie hatte eingekauft, auch auf dem Wochenmarkt, Marmelade eingekocht, allerdings noch nicht mit Deckeln verschlossen. Dann traf sie einen Studenten, der ihr bei der Gartenarbeit half. Irgendwann hat sie sich dann zum Mittagsschlaf hingelegt und ist nicht wieder aufgewacht. Das hat mich getröstet, diese Gnade, die keinen Raum für Klagen ließ.

Borowski und Brandt ermitteln in Genf / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Borowski und Brandt ermitteln in Genf / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Wie das Leben, so der Tod. Wer ein gutes Leben führt, den erwartet ein sanfter Tod?

Axel Milberg: (guckt verschmitzt) Ja… (gedehnt). Ich glaube, es gibt viele Gegenbeispiele.

Haben Sie sich innerlich auf den Tod vorbereitet? Nach dem Motto: vor dem Tod habe ich keine Angst, aber vor dem Sterben?

Axel Milberg: Das sagt man üblicherweise. Man erklärt es ja manchmal auch den kleinen Kindern, wenn dieses Thema ansteht. Warum geht die Oma so krumm? Ich will aber nicht sterben – usw. Ich erkläre es dann so, dass man wie nach einem langen, anstrengenden Tag müde ist und schlafen möchte. Die Begriffe „lebenssatt“ und „voll Vorfreude“ fallen mir dann am ehesten ein. Das klingt idealisiert, aber so wünschen wir es uns. Mir fällt dazu der Roman von Tolstoi ein, „Der Tod des Iwan Iljitsch“, ein grandioses Werk. Die Lesung auf Schloss Elmau war ein Ereignis. Ich sagte den Zuhörern: Wir werden heute Abend gemeinsam ein bisschen sterben. Und so kam es auch.

Ulla Jahn (Marie-Lou Sellem) sorgt für eine faustdicke Überraschun / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Ulla Jahn (Marie-Lou Sellem) sorgt für eine faustdicke Überraschun / Bild: NDR/Marion von der Mehden

Bleibt noch etwas nach dem Tod übrig?

Axel Milberg: Ich bin da offensichtlich jemand, der da nicht so genau nachdenkt, lasse es im Unklaren. Man weiß es ja nicht.

Hatten Sie mal ein Todeserlebnis?

Axel Milberg: Zweimal hatte ich das.

Es gibt ja Untersuchungen über diesen Übergang vom Leben zum Tod, den Tunnel, Lichterscheinungen…

Axel Milberg: Auf jeden Fall war es nicht so angstvoll. Aber mal anders geantwortet: Für mich gibt es zwei große Tröstungen, was das Sterben betrifft. Einmal: den anderen geht es nicht anders (lacht). Alle altern. Und es macht keinen Sinn, mit etwas zu hadern, was unausweichlich ist. Zum anderen erinnert es mich daran, vor dem Tod richtig zu leben, das Leben gelingen zu lassen. Dass man mutig lebt und Dinge ausprobiert, Also wenn diese kleine Entscheidungen anstehen, mache ich das oder lasse ich es. Gehe ich den anstrengenderen Weg oder nicht.

Wie haben Sie das Einbinden der Waterkant-Affäre in diesen Tatort empfunden?

Axel Milberg: Zunächst gab es verschiedene Autoren mit verschiedenen Fassungen. Wir kamen nicht voran und gelangten an den Punkt: das kriegen wir nicht hin. Aber siehe da, ein Lichtlein tat sich auf und Eoin Moore (der auch Regie führte) schaffte es in relativ kurzer Zeit, dieses feine, fast geniale Drehbuch zu schreiben. Ich weiß nicht, woher er es hat. Fast aus der Hüfte geschossen bewältigte er das Thema, Er band eine  leichte Mischung aus Fiktion und Dokufilm zusammen – in einer intensiven, konzentrierten, aber auch sehr humorvollen Fassung. Niemand wird gekränkt oder beleidigt. Der Tatort wird dem Ermittlungsstand gerecht und zeichnet die Figuren sehr deutlich.

Schnell das Cocktailglas zu mir geschoben... / Copyrights by Stars² - StarsHoch2

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Haben Sie sich eine Meinung zum Fall Barschel gebildet?

Axel Milberg: Ich weiß es nicht genau, bin auch nicht klüger als all die anderen.

Welche Aussage steckt Ihrer Meinung nach in diesem Film?

Axel Milberg: Der Vorhang fällt, und alle Fragen sind offen.

Das macht Sie glücklich?

Axel Milberg: Ja, weil es auch den Ermittleralltag zeigt. Ich kann da viel wollen, weil ich ein vorläufiges Ergebnis auf Grund der Faktenlage nicht aushalte. Aber ich bin an Fakten gebunden. Vor Gericht ist das genau so. Das wird ja oft vom Laien missverstanden. Der normal Empfindende will ein Ergebnis. Aber er beschreibt mehr die Sehnsucht nach einem Ergebnis als das, was beweisbar ist. Nur, was beweisbar ist, kann zu einer Anklage führen. Wir sollten froh über dieses Rechtsverständnis sein.

Die Journalistin, die in einer Talkrunde vor laufender Kamera kritische Fragen an den im Fall verwobenen Politiker stellt, wird anschließend gefeuert. Heißt die Botschaft da, schön die Klappe halten, sonst verlierst du deinen Job?

Axel Milberg: Es zeigt natürlich auch die Landesrundfunkanstalt, wo jeder jeden kennt. Jemanden, der zu hartnäckig recherchiert, kann man auch eleganter entsorgen oder wegloben als wie es im Film in seiner Direktheit dargestellt wird.

Ein schwuler Politiker hat es nicht leicht? So kommt es im Tatort herüber.

Axel Milberg: Es ist auch so. Ich glaube, es hängt damit zusammen, wie er sich outet, wie er es herüberbringt. In diesem Fall hat er es deswegen nicht leicht, weil er seine Veranlagung versteckt und dadurch erpressbar wird.

Zu den Hintermännern im Fall Barschel, einschließlich des Zeugen, der verschwindet: Die da oben machen doch, was sie wollen. Und wir Bürger haben keine Chance, einzugreifen und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen? Wer aufklären will, gerät in Lebensgefahr?

Axel Milberg: Das, was Sie zitieren, erleben ja Figuren in dem Film, zwielichtige Figuren.

Vielen Dank für das tiefsinnige Gespräch.

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