Interview mit Schauspieler Christian Berkel
keine Heirat in Sicht
Seit seiner Rolle als Häftling Nr. 38 in „Das Experiment“ gehört Christian Berkel zu den gefragtesten deutschen Schauspielern. Für seine Darstellung des Arztes Schenck im Film „Der Untergang“ erhielt er den Bambi. Auch international erhält er Angebote, wie z. B. in „Operation Walküre“ an der Seite von Tom Cruise.
Mit Perücke: Christian Berkel als Udo Jürgens' Vater Heinrich Bockelmann in "Der Mann mit dem Fagott"; Bild: "ARD Degeto/Ziegler Film/Graf Filmproduktion/ORF/Foto: Toni Muhr"
Sind Sie eher prinzipientreu oder opportunistisch?
Christian Berkel: Bei Rollen sage ich gerne ja, wenn es einigermaßen interessant ist. Ich freue mich ja, wenn mir jemand etwas anbietet. Ganz entscheidend in diesem Beruf ist es aber, auch mal nein sagen zu können. Zu große Flexibilität in der Rollenauswahl wäre da eher nachteilig. Natürlich braucht man Geld, man kann auch viel Gutes mit Geld bewirken. Aber diesen unbedingten Glauben an das Geld, der mittlerweile fast jeden anderen Glauben in unserer Gesellschaft ersetzt hat, finde ich ausgesprochen problematisch.
Mussten Sie sich schon mal so weit zurücknehmen, dass es kaum noch für die Miete reichte?
Christian Berkel: Da ich nie irgendwelche überzogenen Bedürfnisse hatte, ging es mir auch schon in jungen Jahren relativ gut. Ich hatte zudem das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, in der es keine finanzielle Not gab. Ich bin auch so erzogen worden, dass man nicht etwas wegen des Geldes macht. Geld war kein zentrales Thema bei uns.
Ich habe gelesen, dass Ihre beiden Söhne nicht fernsehen. Auch eines Ihrer Prinzipien?
Christian Berkel: Stimmt. Wir haben es gerade wieder in den Ferien erlebt. Da hatten wir auch keinen Fernseher. Das hat sich insgesamt als unglaublich positiv ausgewirkt. Wir haben eigene Spiele entwickelt, haben eine Show gemacht, haben Lieder erfunden. Inzwischen gucken sie natürlich hin und wieder fern. Mein Kleiner ist unglaublich talentiert im Malen.
Sie kommen durch Ihren Beruf viel herum. Liegt Ihnen der Nomade im Blut oder finden Sie das viele Reisen mitunter auch als Last?
Christian Berkel: Ich kann ganz gut weggehen, woanders hingehen. Ich habe aber auch gerne einen Ort, wo ich zu Hause bin, habe gern eine Familie. Ich bin aber genauso gern immer wieder aufs Neue unterwegs.
Würden Sie sich als optisch betonten Menschen einschätzen?
Christian Berkel: Eindeutig. Ich bin überhaupt jemand, der stark über die Sinne funktioniert. Ich habe ein ausgeprägtes optisches Gedächtnis, teilweise sogar ein fotografisches Gedächtnis. Das kommt mir beim Textlernen natürlich sehr zugute. Ich lerne sehr schnell auswendig. Deswegen darf man bei mir auch nicht die Drehbücher plötzlich in der Zeilenaufteilung verändern. Ich weiß genau, welcher Satz wo auf welcher Seite steht. Wenn ich dann eine neue Fassung mit geändertem Seitenumbruch bekomme, irritiert mich das total. Aber Namen kann ich mir dafür extrem schlecht merken.
Haben Sie beim Drehen oder im Vorfeld beim Lesen des Drehbuchs schon ein Bild von Ihrer Figur im Kopf?
Christian Berkel: Ja, als Schauspieler mache ich mir auch eine physisch-optische Fantasievorstellung von meiner Figur.
Anna (Melika Foroutan) schenkt ihrem Mann Heinrich Bockelmann (Christian Berkel) die Bronzefigur "Der Mann mit dem Fagott". Bild: "ARD Degeto/Ziegler Film/Graf Filmproduktion/ORF/Foto: Toni Muhr"
Christian Berkel: Ja. Ich spiele ja den Großvater Heinrich, eine Rolle mit sehr großer Bandbreite – von 21 bis 75 Jahren. Ich beobachte gern Menschen, wenn ich spazieren gehe oder irgendwo in einem Straßencafé sitze. Wenn ich etwas sehe, was mich anzieht, beeindruckt, habe ich sofort das Bedürfnis, diese Bewegung, diese Gestik nachzuvollziehen. Wenn ich weiß, wie sich jemand bewegt, dann weiß ich auch, was ihn bewegt.
Hatten Sie Vorgaben von Udo Jürgens, wie Sie seinen Großvater zu spielen haben?
Christian Berkel: Nein, gar nicht. Im Interview sagte Udo ja, dass sich Menschen mehr über die Macken definieren, über das, was nicht rund ist, über die Eigenart. Das regt auch sofort zum Spiel an und zieht die Zuschauer in den Bann. Wenn ich wie hier die glückliche Gelegenheit bekomme, sozusagen vier Rollen in einer zu spielen, dann kann ich so richtig aus dieser Beobachtungskiste schöpfen.
Sie hatten also ziemlich freien Interpretationsspielraum?
Christian Berkel: Ja. Da gab es auch keinen Widerstand. Ich glaube, Udo Jürgens ist, wie jeder Künstler, ein extrem intuitiver Mensch. Er ist nicht eng. Es muss nicht alles genau so laufen, wie er es sich vorgestellt hat. Das habe ich bei Musikern oft erlebt, diese Offenheit. Deswegen habe ich auch am Theater immer gern mit ihnen zusammen gearbeitet. Das ist die Kunst des Improvisierens. Und Udo kommt ja auch vom Jazz.
Christian Berkel: Ob ich einen Menschen mag oder nicht geschieht bei mir intuitiv – wie bestimmt bei anderen auch –, stark unbewusst und sehr schnell. Früher hatte ich dann ein schlechtes Gewissen, dachte mir, überleg dir das genauer, sind das nicht bloß Vorurteile? Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass dieser erste Eindruck sich auf Erfahrungen und Beobachtungen stützt, in denen in Sekundenbruchteilen ganz viele Informationen ausgewertet werden. Ich habe mir angewöhnt, damit viel entspannter mit umzugehen und im Wesentlichen meiner Intuition zu vertrauen.
Sie können sich gefühlsmäßig gut zurückziehen?
Christian Berkel: Jaaa (gedehnt). Ich kann mich abschotten. Das geht aber schon sehr in den privaten Bereich.
Gibt es Parallelen zwischen Ihrem Leben und der Geschichte von Udo Jürgens?
Christian Berkel: Was meine eigene mütterliche Seite angeht, ja. Da gibt es sogar viele Parallelen zu der Familiengeschichte von Udo. Die Familiengeschichte meiner Mutter war ähnlich bewegt. Sie spann sich über mehrere Kontinente. Meine Begegnung mit der Kultur kam eigentlich über die Mutter, mit dem Schauspiel, mit der Musik.
Sie sprechen ja auch sehr gut französisch.
In "Der Mann mit dem Fagott"; Bild: "ARD Degeto/Ziegler Film/Graf Filmproduktion/ORF/Foto: Toni Muhr"
Musste Ihre Mutter auf vieles verzichten, um sich Ihnen zu widmen?
Christian Berkel: Nein, glaube ich nicht.
Wie empfinden Sie es, dass wir kulturell so stark anglo-amerikanisch überrollt werden?
Christian Berkel: Dieser Trend läuft ja schon seit geraumer Zeit. Früher war es beispielsweise noch so, dass jeder ernst zu nehmende französische Film auch bei uns in die Kinos kam. Das hat sich sehr geändert und ist schon ein wenig traurig, schade.
Sie lieben Frankreich?
Christian Berkel: Ja, sehr! Ich bin ein großer Fan von Paris. Den Süden mag ich auch.
Welche Länder noch? Italien? Kalifornien?
Christian Berkel: Unbedingt. Italien ist toll. Leider bin ich da viel zu selten.
Ihnen werden in letzter Zeit immer wieder Nazi-Rollen angeboten. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Christian Berkel: Es könnte damit zusammen hängen, dass ich ganz gut auch in andere Zeiten passe. Ich kann wohl überzeugend historische Figuren verkörpern. Das gilt ja auch für „Der Mann mit dem Fagott“.
Privat sind Sie aber mehr der Mann mit dem Saxofon?
Christian Berkel: Naja, das ist ein bisschen übertrieben. Ich habe das Saxofon mal für eine Theaterrolle gelernt, aber nie wirklich vertieft. Ich war noch sehr jung und hatte eine kleine Wohnung. Immer, wenn ich anfing zu üben, klopften die Bewohner über mir mit dem Besenstiel an der Zimmerdecke. Und ich war einfach zu schüchtern, um zu sagen: Ist mir doch egal, ich über weiter.
Heute können Sie auch gegen den Strom schwimmen?
Christian Berkel: Ich versuche dahin zu laufen, wo es für mich richtig ist, aber nicht auf Biegen und Brechen. Im Film sagt Heinrich Bockelmann: „Es gibt Situationen, da muss man geradeaus gehen, egal was die anderen von einem denken.“ Diesen Satz könnte ich auch bringen. Wichtig dabei ist aber, dass das nicht immer passiert, sondern nur in bestimmten Situationen. Sonst liefe man ja tatsächlich Gefahr, gegen die Wand zu laufen. Und das wäre dumm. Man muss entscheiden können, wann man sich zurücknimmt und wann nicht.
Eine Standardfrage noch zum Abschluss: Wo sind die Ringe? Immer noch im Safe?
Christian Berkel: Genau!
Das Spiel, wann Sie und Andrea Sawatzki heiraten, geht also weiter?
Christian Berkel: Ja, richtig. Es geht weiter.
Siehe auch Horoskop Christian Berkel



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