Der mit der Geige tanzt…
Interview mit Stargeiger David Garrett
David, du bist ständig unterwegs, gehst demnächst wieder auf große Deutschlandtour, absolvierst jede Menge TV-Termine und ziehst ganz nebenbei noch nach Berlin um. Gehörst du zu denjenigen, die einen gewissen Stresspegel brauchen, um sich wohl zu fühlen?
David Garrett: Och, ich habe auch ganz gerne mal nichts zu tun. Aber in der Regel reicht mir schon ein Tag, um einmal kräftig durchzuschnaufen. Das ist auch der Grund, warum ich mich jetzt für einen Zweitwohnsitz in Berlin entschieden habe. Ich bin jedes Jahr für zwei bis drei Monate in Deutschland unterwegs. Das ist etwa die gleiche Zeit, die ich auch in New York verbringe. Und da ist es einfach schöner, wenn man sich zwischendurch mal in die eigenen vier Wände zurückziehen kann, anstatt im Hotel abzuhängen – auch wenn es nur für 24 Stunden ist. Dafür lohnt sich kein Rückflug nach New York. Meine Wohnung dort werde ich aber weiterhin behalten. 
Aachen, New York, Berlin – und zwischendurch immer wieder Hotels. Wo fühlst du dich zuhause?
David Garrett: Das ist schwierig zu beantworten, weil es so etwas wie ein Zuhause nie so richtig gegeben hat in meinem Leben. Ich bin ja schon früh angefangen, viel zu reisen. Dieses Gefühl von ‚hier ist mein Platz, hier ist meine Schule und hier habe ich meine Freunde und meine Familie’ gab es bei mir so gut wie gar nicht. Ich würde aber schon sagen, dass New York mittlerweile zu meinem festen Wohnsitz geworden ist. Aber ich bin auch sehr stolz darauf, dass ich es geschafft habe, mir im Laufe der Zeit in vielen Städten einen kleinen Freundeskreis aufzubauen. Insofern gehe ich das Reisen mittlerweile entspannter an.
Du hast hart daran gearbeitet, dass dein Geigenspiel sauber und klar klingt. Hat sich diese Präzision auch auf andere Lebensbereiche übertragen?
David Garrett: Ja, ich lege zum Beispiel großen Wert auf Sauberkeit. Wenn ich nach Hause komme, dann putze ich erst mal die ganze Wohnung. (lacht) Ich kann auch nichts essen, was auf den Boden gefallen ist. Selbst wenn ich gerade gewischt habe. Da bin ich sehr empfindlich.
Rock Symphonies Summer Tour 2011 15.06.2011 – Salem, Schloss Salem 17.06.2011 – Ludwigslust, Schlossgarten Ludwigslust 22.06.2011 – München, Olympiahalle 25.06.2011 – Erfurt, Domplatz 26.06.2011 – Dresden, Theaterplatz vor der Semperoper 28.06.2011 – Halle / Westfalen, GERRY WEBER STADION 29.06.2011 – Mannheim, SAP Arena
Du putzt?
David Garrett: Ja, ich habe schon sehr früh gelernt, wie ein Haushalt funktioniert. Da hat meine Mutter mich gut erzogen. (lacht) Putzen hat für mich aber auch etwas Meditatives. Dabei kann man richtig gut nachdenken und die Gedanken kreisen lassen.
Also bist du auch ein sehr ordentlicher Mensch?
David Garrett: Im Beruf ja, aber ansonsten kann ich auch ganz schön chaotisch sein. Wenn ich unterwegs bin, und im Hotel übernachte, dann sieht mein Zimmer meistens nicht sehr ordentlich aus. Aber das liegt nicht daran, dass ich nicht bereit wäre, Ordnung zu halten, sondern daran, dass ich in dem Moment sehr viel arbeite und aus Zeitgründen oft einfach nicht dazu komme, aufzuräumen.
Sauberkeit ist dir wichtiger als Ordnung?
David Garrett: Ja, absolut. Wobei ich bei mir zuhause kein Chaos zulasse. Da bin ich ganz streng. Da wird auch morgens sofort nach dem Aufstehen das Bett gemacht. (lacht) Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Tag dann gleich besser anfängt. Wenn ich zuhause bin, bereite mich ja in der Regel auf Konzerte vor. Und da brauche ich einfach eine gewisse Ordnung um mich herum, sonst kann ich mich nur schwer konzentrieren.
Du bist vor kurzem 30 geworden. Hat dieser Geburtstag für dich auch die Bedeutung eines Wendepunktes in deinem Leben?
David Garrett: In den ersten anderthalb Monaten als Dreißiger habe ich davon ehrlich gesagt noch nichts gemerkt. Ich bin eher noch etwas kindlicher als zuvor. Aber ich finde es auch schön, wenn man mit zunehmendem Alter den Spaß nicht verliert und auch mal Unsinn macht, anstatt zu versteifen und jemand zu werden, der man eigentlich gar nicht ist. Alter sollte den Charakter nicht verändern. Es sei denn, man hat einen schlechten. (lacht)
Von deiner aktuellen Platte „Rock Symphonies“, die jetzt auch als Pur-Edition erscheint, sagst du selbst, es sei die beste Arbeit, die du bisher abgeliefert hast. Setzt du dir mit jeder neuen Platte das Ziel, den vorherigen Erfolg noch zu toppen?
David Garrett: Mit der Aussage habe ich mich auf die Crossover-Projekte bezogen. Und da ist „Rock Symphonies“ definitiv die beste Arbeit, die ich bis dato abgeliefert habe. Das hat aber auch damit zu tun, dass man sich umso besser mit der Materie auseinandersetzen kann und weiß, was mit dem Instrument möglich ist und was nicht, je älter man wird. Nur so kann man seine Grenzen ausloten. Ich glaube auch, dass einer der wichtigsten Punkte bei einem solchen Projekt ist, dass man seinem Vorhaben nicht mit Angst begegnet, sondern versucht, auch für sich selbst neue Maßstäbe zu setzen. Ich habe sehr lange an diesem Album gearbeitet und einige Risiken auf mich genommen, aber auch sehr viel Freude dabei gehabt – und ich glaube, das hört man. Ich bin wirklich sehr stolz auf das Ergebnis. 
Du hast moderne Songs wie „Master of Puppets“ von Metallica, „Vertigo“ von U2 oder „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana auf die Geige übertragen und teilweise auch mit klassischen Elementen verknüpft. Hast du schon Feedback von diesen Bands bekommen?
David Garrett: Zunächst einmal ist es im Musikgeschäft ja so, dass man sich nicht willkürlich der Songs anderer Künstler bedienen darf. Insofern musste auch ich vorher um Erlaubnis fragen. Bei Metallica war es aber gar kein Problem. Von denen hatte ich schon mal etwas gemacht, und sie haben mir gleich geschrieben, dass sie meine Bearbeitung von „Master of Puppets“ super finden. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Von Bono von U2 habe ich auch direkt das Einverständnis bekommen. Und dass ich „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana auf meine Weise interpretieren durfte, verdanke ich dem Okay von Courtney Love. Darauf bin ich auch sehr stolz, weil das ein echter Klassiker ist.
Wie lange hast du letztendlich gebraucht, um diese Stücke einzustudieren?
David Garrett: Das kann ich so pauschal gar nicht sagen. Da kommen so viele verschiedene Faktoren zusammen. Das Arrangement allein, sprich wie man die Vocals und die Gitarrenstimmen für die Geige umschreibt, ist schon ein langwieriger Prozess. Und dann ist es ja auch nicht so, dass man sich eine Woche lang ins Studio setzt und dann ist ein Stück fertig. Im aktuellen Album steckt die Arbeit von zwei Jahren, in denen ich mich immer wieder mit den verschiedenen Stücken befasst und auch viel ausprobiert habe.
Du hast im Laufe deiner unvergleichlichen Karriere schon sehr viel erreicht. Welchen musikalischen Traum würdest du dir gerne noch erfüllen?
David Garrett: Ich würde sehr gerne mal mit Gustavo Dudamel, einem venezolanischen Violinisten und Dirigenten, zusammenarbeiten. Das ist schon ein großer Traum von mir und ich hoffe, dass er sich irgendwann erfüllt.
Zur Person: Vom Wunderkind zum schnellsten Geiger der Welt. David Garrett, 1980 als Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Primaballerina in Aachen geboren, hielt im Alter von vier Jahren zum ersten Mal eine Violine in den Händen. Mit vierzehn unterschrieb er seinen ersten Exklusiv-Vertrag. Unterrichtet wurde er unter anderem von Zakhar Bron, Ida Haendel und Itzhak Perlman von der renommierten Juilliard School in New York, wo er seit mehr als zehn Jahren lebt. Neben den klassischen Konzerten, die er nach wie vor spielt, hat der preisgekrönte Stargeiger sich inzwischen auf Crossover-Projekte spezialisiert, in denen er moderne Songs mit klassischen Elementen verknüpft. David Garrett spielt auf einer Violine von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahr 1772 und einer Stradivari von 1710. Sein aktuelles Album „Rock Symphonies“ (Universal) wurde soeben mit Doppel-Platin ausgezeichnet. Stars²-Autorin Kirsten Gregor hat den sympathischen Überflieger zum Interview getroffen.
Wie viel Zeit geht bei dir noch fürs Üben drauf?
David Garrett: Zuviel. (lacht) Ich würde sagen etwa vier bis fünf Stunden jeden Tag, aber so genau gucke ich nicht auf die Uhr. Natürlich gibt es auch Tage, die so voll gepackt sind mit Terminen, dass ich gar nicht mehr zum Üben komme, aber das merke ich dann auch. Wenn ich 24 Stunden nicht gespielt habe, werde ich kribbelig. Aber das kommt zum Glück nur selten vor. Und an Tagen, an denen ich quasi nichts zu tun habe, hole ich das dann auch wieder nach.
Wenn du spielst, stampfst du immer mit dem rechten Fuß auf den Boden. Was hat das zu bedeuten?
David Garrett: Einer meiner Lehrer an der Juilliard School, Itzhak Perlmann, hat damals immer gesagt: Er wünschte, er könnte manchmal so richtig mit dem Fuß auf den Boden stampfen, weil beim Spielen so viel Energie durch ihn durch fließe. Aber irgendwie konnte er das nicht. Und ich habe das dann wohl zum Anlass genommen – so nach dem Motto: Wenn der schon sagt, dass er das gerne könnte, warum sollte ich das dann nicht tun? Und es ist wirklich manchmal so, dass sich die Musik im Körper so stark anfühlt, dass man sie irgendwo wieder rauslassen muss.
Du hast kürzlich ein Benefizkonzert zugunsten der Stiftung „Jedem Kind ein Instrument“ gegeben. Welchen Stellenwert hat eine frühe Musikerziehung für dich? 
David Garrett: Einen sehr hohen, weil ich glaube, dass Musik – genauso wie Sport – auch für Kinder schon eine sehr wichtige Rolle spielt. Heutzutage gibt es so viel Stress in der Schule, so viele schwierige Situationen, mit denen man schon in jungen Jahren konfrontiert wird. Das Heranwachsen kann ein ziemlich harter Prozess sein – die vielen Stimmungsschwankungen, Probleme mit den Eltern, Auseinandersetzungen mit Freunden. Da kann die Musik einen unglaublich tollen Ausgleich schaffen, weil sie mit dem Alltag erstmal gar nichts zu tun. Und ich bin fest davon überzeugt, dass man ziemlich schnell eine Faszination dafür entwickeln kann, wenn man einfach erstmal anfängt, sich damit zu befassen. Unabhängig davon, ob man sich irgendwann überlegt, die Musik zum Beruf zu machen. Mir hat Musik in der Schule immer sehr viel Spaß gemacht und mich auch motiviert, mit Freude in die anderen Fächer reinzugehen.
Wie wichtig ist es dir, dass deine eigenen Kinder irgendwann ein Instrument erlernen?
David Garrett: Da habe ich zum Glück ja noch ein bisschen Zeit. (lacht) Ich glaube, ich wäre auch ein ziemlich antiautoritärer Vater und würde meinen Kindern total freien Lauf lassen. Also genau das Gegenteil von dem, was ich an Erziehung erfahren habe. Aber das ist ja meistens so.
Fehlt nur noch die richtige Frau, obwohl du ja eigentlich nur mit dem Finger schnipsen müsstest…
David Garrett: Das sehe ich nicht so. Und in meiner jetzigen Lebenssituation ist es auch sehr schwierig, ernsthaft eine Beziehung aufzubauen, weil ich so viel unterwegs bin. Eine zu große Distanz ist auf die Dauer einfach nicht gut für die Liebe.
Gemeinsam mit dem Schauspieler Benno Fürmann unterstützt du die UN-Kampagne „Mit dir sind wir viele“. Was ist euer Ziel?
David Garrett: Mit der so genannten Milleniumskampagne unterstützen wir die Umsetzung der Ziele des UN-Gipfels von 2000. Damals haben sich 189 Staaten dazu verpflichtet die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 deutlich zu reduzieren und sich für den internationalen Frieden und die Umwelt zu engagieren. Leider ist bisher nicht viel passiert, deswegen ist es wichtig, die Regierungen von Zeit zu Zeit an ihre Versprechen zu erinnern. Dabei geht es nicht darum, einen Scheck auszustellen, sondern in einem demokratischen Staat zu mobilisieren. Kofi Annan, der Initiator dieser Kampagne, hat 2002 gesagt, dass solche Ziele nur durchsetzbar sind, wenn die Bevölkerung jedes Jahr aufs Neue mobil macht und ihre Politiker darauf hinweist. Durch den öffentlichen Druck versuchen wir die Durchsetzung der Ziele möglichst hoch zu halten. Es ist unsere Aufgabe und es sind tolle Ziele. Und es ist wirklich eine Schande, dass so wenig getan wird. Papier ist eben geduldig.
Vielen Dank für das Gespräch!
© Kirsten Gregor 2011
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Dieses Interview wurde im Oktober 2010 in Hamburg aufgezeichnet und ist autorisiert.
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Bildnachweis: Alle Fotos (c) Philipp Mueller / Quelle: Universal Music


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